Selbsthilfegruppe CPPS (Chronic pelvic pain syndrome/chronische Prostatitis)
Text aus dem Jahresbericht 2008, die Gruppe hat sich inzwischen aufgelöst
Als vom Leben verwöhnter Mensch, der ohne grosse Verluste, Krankheiten und Enttäuschungen 35 Jahre alt werden durfte, traf mich der Amoklauf meiner Prostaa hinterrücks und unvorbereitet. Innerhalb kürzester Zeit wurde mein Leben dominiert von den Schmerzen im Unterleib, den Gendanken an die Schmerzen, und den Gedanken über die Gedanken an die Schmerzen. Was braucht es, um einem Menschen, der sich stabil und locker duch sein Leben schlendern wähnte, den Boden unter den Füssen wegzuziehen? Bestürzend wenig.
Das folgende Jahr war ein einziger Lernprozess: Die Verarbeitung von diffusen Schuldgefühlen, die rastlose Suche nach dem "Warum", das Gefühl des Alleingelassenwerdens, das nächtelange Grübeln über weitere Behandlungsoptionen, das zermürbende sich-im-Kreis-drehen, die mühseligen und enttäuschenden Versuche, Hoffnung zu schöpfen; der Frust, am Schluss trotz allem nicht stoischer geworden zu sein, nagte an meier Psyche.
Erst ein zufälliges Gespräch mit einem Kollgegen eröffnete mir einen möglichen Weg aus dieser fatalen Situation - auch er trage die selben Probleme mit sich herum, auch er habe das Gefühl, damit alleine zu sein, auch in seinem Kopf drehten sich gebetsmühlenartig dieselben Gedanken. Mir wurde bewusst, dass mir dieser Austausch, dieses sich-erkennen im Gegenüber mehr Erleichterung verschafft hatte, als jegliche Gänge zum Urologen. Leider gab es zu diesem Zeitpunkt noch keine Selbsthilfegruppe zum entsprechenden Thema. Der Entscheid, zusammen mit dem Selbsthilfezentrum eine solche ins Leben zu rufen, fiel jedoch einfach: Keine Verpflichtungen, keine fixen Vorgaben, Anonymität wo gewünscht, ein Aussteigen jederzeit möglich - niederschwelliger kann ein solches Angebot nicht sein. In der Zwischenzeit trifft sich unsere Grupppe einmal monatlich in den Räumen des Selbsthilfezentrums Bern. Gerade die völlig unterschiedlichen Berufs- und Lebenssituationen sowie das unterrschiedliche Alter der Gruppenmitglieder ist eine enorme Bereicherung; und obwohl diese Unterschiede sehr gross sind, fühle ich mich jeweils auf eine Art aufgehoben, die für einen Nichtbetroffenen wohl nur schwer verständlich ist. Es ist offensichtlich, dass sich jedes Gruppenmitglied über das Problem sehr viele Gedanken gemacht hat - und diese Auseinandersetzung macht es möglich, dass über alle Themen offen und ungehemmt diskutiert werden kann; die stete Konfrontation mit dem Problem hat entsprechende Hemmungen und Schamgefühle abgebaut.
Einziger kleiner Wermutstropfen ist die momentan kleine Gruppengrösse. Irgendeinmal werden wohl alle Themen ausdiskutiert und alle Standpunkte dargelegt sein. Ich denke, dass das "Überleben" unserer Gruppe langfristig von weiteren Mitgliedern abhängig sein wird. Wenn man der Fachliteratur Glauben schenkt, wäre etwa jeder 10. Mann in seinem Leben mit CPPS konfrontiert - die Kleinheit der Gruppe wäre deshalb wohl entweder durch fehlendes Wissen um deren Existenz der aber durch eine gewisse Hemmung, einer Gruppe als solcher beizutreten bedingt: Die altbekannten Vorurteile, nach denen sich mit Namensschildern versehene, gescheiterte Existenzen im Plenum selbst bemitleiden, lassen grüssen..

